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Archiv 2009

Grundlagen der Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit als Konzept der gesellschaftlichen Entwicklung ist das Ergebnis eines langwierigen Erkenntnisprozesses. Nachdem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Kritik an die Form des Wirtschaftssystems der modernen Industriestaaten, insbesondere aufgrund der massiven Umweltzerstörung stetig zunahm, begann die Suche nach einem neuen Modell. Dies sollte dauerhaft wirtschaftliches Wachstum und gesellschaftlichen Wohlstand gewährleisten - ohne die bemängelten Nachteile mit sich zu bringen.

Bereits 1972 veröffentlichte der Club of Rome seine Studie „Die Grenzen des Wachstums“ (engl. Originaltitel: „The Limits to Growth“) mit der wesentlichen Kernaussage: „Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht.“ Zwanzig Jahr später haben die Autoren um Donella und Dennis L. Meadows ihre Untersuchungsergebnisse erneut überprüft und ihre einstigen Aussagen konkretisiert. Demnach habe „die Nutzung vieler natürlicher Ressourcen und die Freisetzung schlecht abbaubarer Schadstoffe (…) bereits die Grenzen des physikalisch auf längere Zeit Möglichen überschritten.“  Meadows und Kollegen erklärten weiter, dass wenn der Einsatz dieser Materialien und die Energieflüsse nicht entscheidend gesenkt werden, in den nächsten Jahrzehnten ein unkontrollierbarer Rückgang der Nahrungsmittelerzeugung, der Energieverfügbarkeit und der Industrieproduktion bevorstehe. Dies sei jedoch „vermeidbar“, wenn „die politischen Praktiken und Handlungsweisen, welche den Anstieg des Verbrauchs und der Bevölkerungszahlen begünstigen, umfassend revidiert werden“. Parallel müssten den damaligen Aussagen der Experten zufolge „die Wirkungsgrade des Energieeinsatzes und der Nutzeffekt materieller Ressourcen drastisch“ angehoben werden. Das Fazit von Meadows und Kollegen: „Eine dauerhaft existenzfähige Gesellschaft ist technisch und wirtschaftlich noch immer möglich.“ Allerdings erfordere „der Übergang zu einer dauerhaft existenzfähige Gesellschaft (…) den sorgfältigen Ausgleich zwischen langfristigen und kurzfristigen Zielvorstellungen“. Der Schwerpunkt müsse auf die langfristig „ausreichende Versorgung, die gerechte Verteilung und Lebensqualität und weniger auf Produktionsausstoß gelegt werden.“

Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung

Es bedurfte also eines Entwicklungskonzepts, dass es ermöglicht „ dauerhaft die Bedürfnisse der Gegenwart zu befriedigen, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“, wie im so genannten Brundtland-Report, einem Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung unter dem norwegische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland, schon 1987 beschrieben. „Sustainable developement“, übersetzt nachhaltige Entwicklung, sollte demnach den Schlüssel für die dauerhafte Existenzfähigkeit unserer Gesellschaft bilden. Der Brundtland-Report war einer der Anlässe für die 1992 in Rio de Janeiro einberufenen „Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung“ auf der auch das Modell der „Agenda 21“ entworfen wurde, um die nachhaltige Entwicklung unserer Gesellschaft zu erreichen. Das Konzept der Nachhaltigkeit beschreibt dabei die Nutzung eines regenerierbaren Systems, dessen wesentlichen Eigenschaften trotz der Nutzung dauerhaft erhalten bleiben und dessen Ressourcen auf natürliche Weise regeneriert werden können. Auf der Konferenz in Rio de Janeiro wurde Nachhaltigkeit bzw. die nachhaltige Entwicklung zum normativen, internationalen Leitprinzip der Staatengemeinschaft, der Weltwirtschaft, der Weltzivilgesellschaft und der Politik erklärt. In Bezug auf die gesellschaftliche Entwicklung sind soziale, ökonomische und ökologische Aspekte gleichermaßen zu berücksichtigen, wobei den Interdependenzen zwischen den einzelnen Bereichen eine besondere Bedeutung beigemessen wird.  

Ökologische Nachhaltigkeit

Die Grundlage des menschlichen Daseins bildet unsere Umwelt. Sowohl die wirtschaftliche als auch die gesamtgesellschaftliche Entwicklung stehen in direktem Zusammenhang mit den natürlichen Ausgangsbedingungen. So sollten Natur und Umwelt nicht nur aufgrund ökonomischer Gesichtspunkte, sondern auch aus reinem Interesse an der generellen Lebensqualität zukünftiger Generationen erhalten bleiben. Unsere Nachfahren dürfen nicht die Leidtragenden unseres fahrlässigen Handelns sein. Daher müssen Natur und Umwelt gemäß den Ansätzen des Konzepts der nachhaltigen Entwicklung in ihrer Qualität auch für kommende Generationen erhalten bleiben. Die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, der Eintrag von Schadstoffen und Umweltgiften, die massive Neuversieglung von Flächen, die Vernichtung der Artenvielfalt und der menschlich verursachte Klimawandel sind drastisch zu reduzieren bzw. gegebenenfalls zu stoppen. Dabei sind nicht nur Politik und Wirtschaft dazu aufgefordert ihr Verhalten grundlegend zu ändern, sondern jeder einzelne Bürger steht in der Verantwortung. Grundsätzlich gilt: Der Ressourcenverbrauch sollte soweit reduziert werden, dass diese auf natürliche Weise regenerierbar sind. Nicht regenerierbare, natürliche Ressourcen dürfen nur in dem Maß verwendet werden, wie ein gleichwertiger Ersatz in Form nachwachsender Ressourcen geschaffen wird. Der Schadstoffeintrag darf das Maß dessen, was in den natürlichen Kreisläufen abgebaut werden kann, nicht überschreiten, das heißt die Aufnahme- bzw. Assimilationsfähigkeit des Ökosystems gegenüber Stoffeinträgen darf nicht überschritten werden. Die Flächenversieglung ist zu minimieren wobei Kultur- und Landschaftsräumen in ihrer ursprünglichen Gestalt erhalten bleiben sollten. Die Artenvielfalt und Biodiversität muss geschützt und langfristig gesichert werden. Der Ausstoß von Kohlenstoffdioxid und anderen Treibhausgasen sollte drastisch reduziert werden, um den menschlich verursachte Klimawandel nicht weiter zu beschleunigen. Generell ist ein schonender Umgang mit unserer natürlichen Umgebung geboten, was bei kritischen Entscheidungen in einer entsprechenden Abwägung zwischen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Aspekten Berücksichtigung finden muss.  

Ökonomische Nachhaltigkeit

Die Übertragung des Konzepts der Nachhaltigkeit auf den Bereich der wirtschaftlichen Entwicklung bedeutet in erster Linie, dass unser ökonomisches System so konzipiert sein muss, dass es dauerhaft eine tragfähige Grundlage für Erwerb und Wohlstand bietet. Eine nachhaltige Wirtschaftsweise sollte dabei langfristig ökonomisches Wachstum sicherstellen. Der Verbrauch von natürlichen Rohstoffen in der Produktion ist derart zu gestalten, dass die Verfügbarkeit dauerhaft gesichert ist. Zum Beispiel sollten nachwachsende Rohstoffe nur in einem regenerierbaren Maß genutzt werden. Aber auch die anderen Produktionsfaktoren, Arbeit und Kapital, sind so einzusetzen, dass langfristig ökonomisches Wachstum gesichert und der menschliche Wohlstand erhöht werden kann. Mit Blick auf die weltweite Entwicklung ist dabei der Schutz wirtschaftlicher Ressourcen vor Ausbeutung besonders wichtig. Auch müssen ökologische und soziale Aspekte in einem nachhaltigen ökonomischen System deutliche Berücksichtigung finden. Hier sind neben staatlichen Regelungen in erster Linie die Unternehmen gefordert, sich für das Wohl ihrer Mitarbeiter und die Erhaltung der Umwelt einzusetzen. Die Spannweite im Bereich der sozialen Verantwortung der Unternehmen umfasst dabei zum Beispiel die Zahlung angemessener Löhnen und Gehälter, eine ordentliche Absicherung der Angestellten (Arbeitssicherheit, Krankenversicherung, Altersvorsorge), die Gewährung von Mitbestimmungsrechten für die Beschäftigten, aber auch Maßnahmen wie unternehmensinterne Kinderbetreuungsangebote oder soziales Engagement über Stiftungen und Spenden. Darüber hinaus ist den Aspekte der nachhaltigen ökologischen Entwicklung nicht nur durch einen verminderten Rohstoffeinsatz in der Produktion sondern auch durch die Minimierung der Emissionen und des Energieverbrauchs Rechnung zu tragen. Wie die nachhaltigen ökonomischen Strategien für den Kapitalmarkt aussehen können, ist in der wissenschaftlichen Diskussion bislang nicht eindeutig geklärt. Doch gilt es langfristig zu gewährleisten, dass der Kapitalmarkt nicht oder nur minimal durch mögliche Krisen oder Schocks gefährdet wird. Preisstabilität, außenwirtschaftliches Gleichgewicht und ein dauerhaft hoher Beschäftigungsgrad bilden weitere grundlegende Ziele, deren Erreichung ein nachhaltiges ökonomisches System gewährleisten muss.  

Soziale Nachhaltigkeit

Im Bereich der sozialen gesellschaftlichen Entwicklung umfasst das Konzept der Nachhaltigkeit vor allem Verteilungs- und Mitbestimmungsaspekte. So sollte nachhaltige soziale Entwicklung die Partizipation für alle Mitglieder der Gesellschaft ermöglichen, wobei auch das Geschlechterverhältnis ausdrücklich zu berücksichtigen ist. Bei der Verteilungsgerechtigkeit geht es nicht nur um den weltweiten oder binnenwirtschaftlichen Zugang zu Ressourcen und Chancen, sondern auch um eine Generation übergreifende Gerechtigkeit. Die sogenannte intergenerationelle Verteilungsgerechtigkeit (Generationengerechtigkeit) mahnt uns dazu, irreversible Veränderungen der Welt, die von zukünftigen Generationen eventuell nicht gewollt sein könnten, zu vermeiden. Darüber hinaus sollte auch die Verteilung des Wohlstands zwischen den verschiedenen Altersgruppen berücksichtigt werden. Für die Gegenwart gilt es im Rahmen einer nachhaltigen sozialen Entwicklung weltweit die Sicherung der Grundbedürfnisse zu gewährleisten, die Armutsbekämpfung voranzutreiben und den Wohlstand sowie den Zugang zu Chancen und Ressourcen international, als auch innerstaatlich gerecht zu verteilen. Hier sind insbesondere die Regierungen in der Verantwortung einen ordnungspolitischen Rahmen zu entwickeln, der die Mitbestimmungsmöglichkeiten aller Menschen und die Verteilungsgerechtigkeit auf allen Ebenen sicherstellt. Das Ziel nachhaltiger sozialer Entwicklung ist es, dauerhaft eine zukunftsfähige, lebenswerte Gesellschaft zu erreichen – auch im Sinne nachfolgender Generationen.  
Nachhaltigkeit als Konzept der gesellschaftlichen Entwicklung ist dabei gleichermaßen auf lokaler, regionaler, nationaler und globaler Ebene umzusetzen. So stehen beispielsweise in der aktuellen Diskussion, um ökologische Nachhaltigkeit eher globale Ziele im Vordergrund. Bei der ökonomischen Nachhaltigkeit überwog bis vor kurzem eher der nationale Ansatz doch die Weltwirtschaftskrise 2009 hat hier den Handlungsschwerpunkt eindeutig in Richtung globaler Ebene verschoben. Im Bereich der sozialen Nachhaltigkeit steht bis heute überwiegend der nationale Blickwinkel im Vordergrund.

Weitere Infos:
Lexikon der Nachhaltigkeit
Rat für nachhaltige Entwicklung